Mittelhessenbloggers Blog

Eckiges, Kantiges, Freches, Unangepasstes, was nirgendwo reinpasst :-)

Sapere aude! oder: von „Schweinemedien“ und „Rasenzapplern“

Medien, die nur noch Brei bringen. Verschweigen. Politiker die das gleiche tun. Und dann tun sich beide zusammen. Und der Bürger und User, Zuschauer wendet sich mit Grausen.

Ich habe für die Überschrift bewusst diese provozierende Überschrift gewählt. Diese Worte sind so natürlich nicht gefallen im Profil meiner Facebookfreundin Renee Victorine Waringo.
Ich behaupte schlichtweg, dass es immer wieder auf eines ankommt: Den Zeigefinger hochheben anderen überlassen. Sondern ständig immer wieder fragen, als Journalist mit seinen Lesern in Kontakt bleiben, sich dabei vor keinen Karren spannen lassen.

Fragen ist im Grunde ureuropäisch, nicht erst eine Sache des modernen Journalismus.  Aber es macht ihn eigentlich aus. Sollte es ausmachen:

Cogito ergon sum: Ich denke also bin, sagte einmal Descartes und sapere aude – wage es, Dich Deines Verstandes zu bedienen, das auf Horaz zurückgeht, das sind eigentlich die Maximen, die für einen modernen Journalismus gelten sollten. Das Motto Sapere aude hat sogar den Namen für ein eigenes Blog geliefert.

Fest steht eines: Sicher machen manche Medien Politik. Und durchaus Menschen, die diese Branche vertreten. Ich rede nicht von der legitimen Verbands- und Interessenpolitik unserer Branche, sondern davon, dass Medien die restliche Politik steuern, beeinflussen können. Wenn dies im Sinne eines in Deutschland offiziell noch nicht definierten Wächterauftrags im Zeichen der Demokratie geschieht, ist dies in Ordnung. Gefährlich wird es, wenn offiziell neutrale Medien selber Politik machen. Von Parteizeitungen ist hier natürlich nicht die Rede. Das gilt überregional und regional. Nur nicht für alle.

Fest steht auch dies: An der Basis stehen Menschen wie Du und ich, die sich irgendwann mal entschieden haben, eben nicht Bäcker, Anwalt,Kindergärtnerin, Archtitek oder Hochofenarbeiter zu werden, sondern eben Journalist. Die Arbeit muss bezahlt werden. Egal ob frei oder angestellt.

Fest steht auch dies hier:  Dass sich die Medienbranche seit gut 13 Jahren in einem Umbruch befindet. Dank der Verbreitung der technischen und medialen Möglichkeiten des Internets. Zumindest (bisher) in den westlichen Demokratien. Einen Umbruch erlebte allerdings nicht nur die Medienwelt. Auch die Meinungsvielfalt. Die Möglichkeiten wurden so groß, dass sich Bandbreiten von extrem linken bis extrem rechten Ansichten etablieren konnten.
Ein gutes Beispiel ist das nationalistische Thulenet, das sich ein Katz- und Mausspiel mit den deutschen Behörden geliefert hatte. Genauso ist das Internet seit seinem Boom ein Sammelsurium von Verschwörungstheoretikern, Esoterikern, religiösen Fanatikern und ihrem Gegenteil geworden – einschließlich der Verlage, die diese Bedürfnisse bedienen. Wer es nicht glaubt, dem seien Abstecher auf die einschlägigen Fachmessen empfohlen.

Ende der 90er, als ich stärker begonnen habe, neben der Printarbeit auch online zu schreiben, war das allerdings noch eine Exotenwelt. Der Aufstieg des Internet begann gerade erst. Die jeweiligen Ecken im Netz waren bekannt. Die Möglichkeit, Leute zu erreichen außerhalb eines definierten technikverliebten Kreises, war nicht besonders groß. Es war gerade der Anfang.  Noch beherrschten  die sprichwörtlichen Nerds, die es damals als Wort noch nicht gab. Der Nerd hat den Freak abgelöst. Heute haben sich die Nerds aber gewissermaßen explosionsartig vermehrt. Ein Stück weit steckt in jedem von uns heute, dank der aktuellen IT-Möglichkeiten, ein Mininerd. Dank der technischen Möglichkeiten ist es im Politik-, Gesellschafts- und Medienbetrieb ein wenig wie im Profifußball geworden: 22 Mann zappeln sich auf dem grünen Rasen ab – unter den Augen von 60 oder 70 Millionen Trainern und Fußballexperten. Nur mit dem Unterschied: Die professionellen Rasenzappler müssen sich kaum Gedanken über ihre finanzielle Entlohnung machen.  Ein Blog hat sich dies zum Thema gemacht und fordert direkt zur Frage auf, welcher Fußballer wohl mehr Geld verdient hat….

Besser doch Rasenzappler, äh, Fußballer werden, oder?

Das sieht mit dem Gros der professionellen Medienzappler, also dem Gros der Journalisten schon anders aus: Wer Glück hat, hat einen Verlag gefunden, der (n o c h) oder vielleicht wieder den Wert echter unabhängiger journalistischer Arbeit erkannt hat und Mittel und Wege gefunden hat, diese auch zu finanzieren. Nur das sind in der Regel wenige. Und der Rest ist froh, noch in Lohn und Brot zu stehen, macht also Dienst nach verlagspolitischer Vorschrift, wo es sich um Freie handelt, versuchen viele, ihr berufliches Heil in der PR zu suchen. Auf diese Weise entschwindet durchaus profundes Wissen um Details und Zusammenhänge meistens auf Nimmerwiedersehen aus dem Feld des klassischen Journalismus. Und wer versucht, als Freier dieser klassischen Linie treu zu bleiben, hat es nicht unbedingt leichter. Was der Spiegel 2004 geschrieben hat, hat sich nicht unbedingt geändert. Drei jahre später, also 2007, warnt Gabriele Bärtels davor, den „Traumberuf“ des Journalisten zu ergreifen. Zumindest den des freien Journalisten. Dass auch angestellte Journalisten auf einem Schleudersitz sitzen, zeigen die Vorgänge dieses Jahres um die heute nur noch dem Namen nach existierende Westfälische Rundschau oder das Streichkonzert in Madsack-Gruppe. Was dann Marktkonsolidierung genannt wird. Auf der anderen Seite stehen die Modelle, in der freie Journalisten und Blogger versuchen, alternative Konzepte zu Zeitungen zu bieten. Nur auch dies ist in Bewegung. Im Hamburg genauso wie im Süden der Republik. Neben der journalistischen Arbeit geht es dabei immer wieder um eines: Wie kriegen wir den Laden finanziert? Bei Lousypennies wurde im August die Frage gestellt, was Journalisten im Netz verdienen. Die Umfrage war zwar nicht repräsentativ aber erhellend.  Der Deutsche Journalistenverband hat dazu ebenfalls Informationen bereit gestellt. Die zeigen, was eigentlich angemessen wäre. Ob es erreicht wird, hängt im Einzelfall immer noch von der Verhandlungsposition oder dem Verhandlungsgeschick ab. Und der Bereitschaft, dass der Verlag bereit ist, für klassische journalistische Arbeit (->Recherche!) auch Geld auszugeben.

Darum hier noch einmal die Frage: Wo kommt das Geld her – für den Journalismus oder (online) schlichtweg das, was wir im Netz lesen, hören, sehen können?

Klassischerweise aus Anzeigen und Bannerschaltungen. Problem: Die meisten User nerven Anzeigen. Die Und als neue Variante: Unterstützerkreise, Unterstützerabos – von Leuten, die sagen: Wir brauchen unabhängigen Journalismus, der nüchtern arbeitet. Ohne sich von Säuen locken zu lassen, die gerade mal wieder durchs Dorf getrieben werden. Ohne eine Klientel zu bedienen. Ob das nun Vegetarier, die Fleischlobby, Atheisten oder orthodoxe Rechtgläubige sind, Pro-Amerikaner, Pro-Europäer oder das Gegenteil. Wo letztlich nur eines stattfindet: Das Abfragen und Abklopfen von Ideen, Meinungen, Absichten, Taten und die Präsentation dessen als Nachricht, Reportage. Mit welchen technischen Mitteln ist dabei erst mal nebensächlich. Der Haken allerdings, wenn man dieses macht: Wer versucht, ohne die übliche Mischung von Sex, Drugs, Rock’n’Roll und dem gehörigen Schuss Katastrophen- und Unfalljournalismus auszukommen, hat zumindest im überregionalen und regionalen Tagesjournalismus ein Problem, die nötige Reichweite zu erzielen.
Ob die sich nun über Auflagen, Klickzahlen oder anderes definiert. Ein schönes Beispiel, um dies zu messen, bieten die Mediendienste wie Kress oder Meedia. Deren regelmäßige Analysen zeigen, was gerade in der Leser-, User- und Zuschauergunst liegt: Die Tendenz geht in der Regel zu Klamauk oder massenkompatibler Spalter-Themen. Die nüchterne Hintergrundreportage oder eine anspruchsvolle Dokumentation landet irgendwo unter „ferner liefen“.

Just my fifty cents

Wer als Leser, User, Zuschauer das nicht möchte, hat eine Möglichkeit, das Rad wieder in eine andere Richtung zu drehen. Das geht entweder durch aktive finanzielle Unterstützung. Wobei auch hier der Spruch gilt: Kleinvieh macht auch Mist. Will heißen: Lieber 100 oder 200, die jeder monatlich ihre 10 oder 5 Euro für die Arbeit beisteuern als einer oder zwei, die zusammen 1000 Euro je Monat aufbringen können. Und/Oder aber: Durch aktives Besuchen eben dieser nüchternen Plattformen – um denen zu eben der Reichweite zu verhelfen, die sie brauchen, um ihr Produkt klassisch an Anzeige- und Werbekunden zu vermarkten. Wer das nicht will, weil Werbung möglicherweise die journalistische Unabhängigkeit beeinflussen könnte (ungnädiger Werbekunde geht weg.), der muss sich dann letzten Endes überlegen, ob er oder das oder die Medien ihrer Wahl, die Journalistinnen, Journalisten ihrer Wahl nicht aktiv finanziell unterstützen und diese unabhängig ihre Arbeit machen lassen.

Sex und Katzen, das geht – echt jetzt?

Blickt man ins Netz, auf Blogs oder eben auch in soziale Netzwerke wie Facebook, Youtube und andere, die ja inzwischen längst als Alternative zu den klassischen Medien gehandelt werden („ich habe mir schon seit Jahren keine Zeitung mehr gekauft, steht eh immer nur das gleiche drin“, „Fernsehen? Nö: Ich schmeiß mein Geld bei dem Blödsinn doch nicht noch den GEZ-Heinis in den Rachen – Ich habe einen Computer (Anmerkung: wahlweise heute zu ersetzen durch Smartphone, Tablet PC etc.) und das Internet, das reicht“), dann sieht es fast ähnlich aus: Das Bild von Katze und Hund, irgendeine Blödelei, ein schrilles Video erzeugen mehr Aufmerksamkeit als eine nüchterne klassische journalistische Arbeit oder auch ein ernsthafter Bloggerbeitrag. Was auch läuft, ist das Bedienen der jeweiligen Meinungslager. Und wer es wagt, in diesen Lagern dann mit einer anderen Meinung oder einem anderen Aspekt zu kommen, wird mehr oder minder schnell irgendwann mindestens medial kaltgestellt. das funktioniert in den klassischen Medien ebensogut wie in den digitalen Medien.

Ein Medium allein macht noch keine Meinungsbildung

Die Frage, ob Medien oder Politiker, eben „nur Schrott“ produziert, ob sie Dinge verschweigen, ist eben nicht einfach mit „ja“ oder „nein“ zu beantworten. Es hängt sehr davon ab, welches Echo die Basis gibt. Eine der möglichen Antworten, die ich versucht habe zu geben, ist aber: Anstatt sich von „den“ Medien und „den“ Politikern abzuwenden und zu denken „macht Euren Dreck doch alleene, ick komm schon ohne Euch klar“, wäre es vielleicht gut als Medienkonsument und Bürger eben selber die Trendwende einzuleiten – indem man den Klamauk- und Krawallheinis den Spartenplatz zuweist, der ihnen zusteht und sich zwecks nüchterner Information eben umsieht, welche Medien, welche Journalisten, Blogger etc, versuchen, saubere Arbeit zu liefern. Und wie immer gilt eines: Sich nur über ein Medium, eine Zeitung, einen Sender oder ein Portal zu informieren, führt schnell in die Eingleisigkeit. Das gilt im übrigen auch für meinen Beitrag. Ich erwarte nicht, dass dieser nun als d e r Leitspruch betrachtet wird. Er soll nichts weiter als ein Versuch sein, dazu einzuladen, sich wie im Club der toten Dichter auf einen Stuhl zu stellen und vielleicht eine zusätzliche Perspektive einzunehmen. Zwei weitere Perspektive gibt es hier. Beide aus dem Jahr 2009. Das Internet-Manifest und eine Einladung zu einer Veranstaltung: warum schlechter Journalismus auch nicht gut für PR ist

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Oktober 31, 2013 von in Medienzirkus und getaggt mit , , , , , , , , , .
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