Mittelhessenbloggers Blog

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Das Wort „Homophobie“ – einmal mehr eine Sprachpanscherei und Denkungenauigkeit?

homophobMenschen, die anderen Menschen eine Nachricht verständlich vermitteln wollen, sollten dies mit exakten Begriffen tun. Sonst kann es zu Umdeutungen und Mißverständnissen kommen. Werden neue Worte geschaffen oder aus bestehenden Begriffen ein neues zusammengesetzt, scheint dies allerdings nicht immer glücklich zu geschehen. Geht es um Begriffe, die aus dem Englischen in die deutsche Sprache einfließen oder englisch klingend neu geschaffen werden, ist die Debatte hinlänglich bekannt, Geht es aber um Worte, die sich aus einer der beiden Sprachen ableiten, die die Grundlage eines großens Teil der europäischen Kultur darstellen, Latein und Griechisch, scheint vielen die eigentliche Bedeutung plötzlich modisch gewordener Worte nicht klar oder überhaupt bewusst zu sein. Als Journalist oder generell als jemand, der tagtäglich die Sprache verwendet, um Nachrichten, Botschaften zu verbreiten und zu erklären, sollte man dafür ein zusätzlich geschärftes Gefühl haben. Blicke ich auf die Verwendung des Wortes „Homophobie“, drängt sich mir der Verdacht auf, dass hier etwas gewaltig aus dem Ruder zu laufen droht. Ich selber werde dieses Wort in meinen Artikeln außer diesem nach Möglichkeit nicht verwenden. Wieso, erkläre ich hier.

Sprache ist das Werkzeug, mit dem wir denken und das, was wir ausdrücken, in exakte, scharfe Bedeutungen packen. Damit wir verstanden werden. Wollen. Das sagte  Wilhelm v. Humboldt. Er gilt  als der Begründer der vergleichenden Sprachforschung und Wissenschaft. Er hatte Sprache als zentrales Werkzeug für Denken und Weltauffassung definiert. Gleichzeitig hat er zwischen Nationen unterschieden, die es lieben, mit der Sprache nur zu malen, sich am Sprachgemälde zu erfreuen und solchen, die versuchen, der exakten Bedeutung eines Wortes auf die Spur zu kommen.

Wie es aussieht, ist der Begriff „Homophobie“ ein solcher Begriff, der alles andere als scharf definiert und dafür tauglich ist, das Phänomen der gegenwärtigen Debatte richtig zu bezeichnen. In des Wortes tiefster Bedeutung steckt in diesem Kunstwort, dass bis vor kurzem eher nur in Fachkreisen der Psychologen und Psychatrie bekannt war, eigentlich ein anderer Bedeutungsansatz. Der des Menschenfeinds. „Homo“ bedeutet im Deutschen in erster Linie „Mensch“, in weiterer Bedeutung „Mann“, als Adjektiv vom Griechischen „homos“ heißt es „gleich“. Das Wort „Phobie“ ist abgeleitet von griechischen „Phobos“, die Silbe „-phob“, dementsprechend. Das grundliegende Verb ist „phobein“, etwas „fürchten“.
In des Wortes tiefster Bedeutung wäre ein homophober Mensch also ein Mensch, der sich vor Menschen fürchtet, vor ihnen Angst hat. Ich wage zu bezweifeln, das diejeningen, die zumindest im heutigen Deutschland als homophobe Menschen bezeichnet werden, tatsächlich Menschenfeinde sind, Menschen, die unter keinen Umständen mit anderen Menschen zusammen sein wollen oder noch schlimmer, in ihrer Furcht im schlimmsten Fall ihr Gegenüber töten wollen. Legt man das zugrunde, kann man getrost die Nazis als Erfinder des industrialisierten Massenmords als die ersten Homophoben des 20. Jahrhunderts bezeichnen.

duschwuchtel

Das 20. Jahrhundert war nicht nur die Geburtsstunde der Nazis – sondern auch des Wortes Homophobie oder, wie es im Englischen genannt wird: „Homophobia“. Erfunden hatte es der us-amerikanische Männerforscher Georg Weinberg. Während der Vorbereitung eines Vortrags bei der East Coast Homophile Organizations, Echo ( deutsch: Vereinigung der Homophilen der Ostküste) im Jahr 1965 sei ihm durch den Kopf gegangen, dass viele seiner Kollegen, die wie er heterosexuell waren, außerhalb des beruflichen Umgangs mit ihren homosexuellen Patienten Berührungsängste hatten. Er suchte nach einem Wort, um dieses Phänomen zu beschreiben. Der Psychotherapeut hatte dies in einem rückblickendem Interview 1998 mit mit dem Psychologen Gregory Herek berichtet. Herek, der heute an der University of California lehrt , hatte im Artikel Beyond_Homophobia_2004 im April 2004 darüber für die  Ausgabe des Journals des damals gerade seit einem Jahr bestehenden Nationalen Zentrums zur Erforschung der Sexualität (NSRC) in San Francisco geschrieben. Dieses Institut war mit Mitteln der Fordstiftung gegründet worden, um für die Verbreitung wissenschaftlicher Literatur zur Sexualität in den USA zu sorgen. Etwas mehr als sieben Jahre später änderte es seinen Namen in CREGS um, ein nationales Zentrum mit vielfältigen Aufgaben und Forschungsgebieten rund um Sexualität und Sexualerziehung.

Kursierte der Begriff „Homophobia/Homophobie“ lange Jahre als Begriff in der fachlichen Debatte der Auseinandersetzung der gesellschaftlichen Stellung gleichgeschlechtlicher Lebensformen, mutierte dieser Begriff in der jüngsten Vergangenheit zu etwas, das fast wie ein Kampfbegriff anmutet. Spätestens die Debatte um das öffentliche Bekenntnis des deutschen Fußballers Thomas Hitzelsberger zu seiner Homosexualität spülte den Begriff in die breite Öffentlichkeit. In den gängigen überregionalen Massenmedien und Sendern wird der Begriff genommen, um aufkommende Gegenpositionen ins negative Abseits zu stellen. Ich verzichte an dieser Stelle auf konkrete Links. Wer mit den einschlägigen Begriffen auf die Suche geht, wird leicht fündig.

Um einen zentralen Punkt in der Debatte klarzustellen: Fest steht, dass es quer durch die Kulturgeschichte Europas seit der Antike verschiedene Muster und Formen des Zusammenlebens der Geschlechter gab. Fest steht allerdings auch, dass um den Fortbestand der Spezies Mensch zu sichern, zwingend der Zeugungsakt erforderlich ist. Sprich, Menschen, die zu anderen Formen einer Partnerschaft neigen, sollten zumindest sich ins Gedächtnis rufen, dass sie ihre Existenz  einer heterosexuellen Beziehung verdanken. Und möglicherweise ist bei der aktuellen Debatte auch nicht unwichtig, dass der Wunsch, das Leben in die nächste Generation zu tragen, zumindest ebenfalls ein natürlicher Wunsch ist. Legt man die Definition „Homophob“ mit dieser Messlatte an, könnte sich allein aus einer naturgegebenen Notwendigkeit des Zuegungsaktes für den biologischen Fortbestand des Menschen eine ganz andere Perspektive ergeben, Nämlich die, ob Menschen, die aus Zeitgeistgründen, weil es gerade angesagt ist oder es schlicht um gesellschaftliche Provokation geht, insgeheim eine lebensfeindliche Ader in sich haben, sich also selber mit ihrer Existenz in Frage stellen. Interessanterweise lässt sich zumindest hierzu bisher keine fachliche Äußerung finden, weder bejahend noch ablehnend.

Unabhängig davon steht außer Frage, dass es im Zuge gleicher rechtlicher Behandlungen Lösungen geben muss. Man sollte sich im klaren sein, dass eine Debatte zur Schaffung gleicher rechtlicher Bedingungen nicht zwangsläufig auch heißen muss, dass man in großes „Hurra-Geschrei“ verfallen muss, um vordergründig Sympathie für die eine oder andere Form des Zusammenlebens zu bekunden. Hilfreich ist aber vielleicht, über welche Zahlen wir sprechen. Nach aktuellen Angaben des deutschen Lesben und Schwulenverbandes (LSVD) gibt es keine „harten“, belastbaren Zahlen, nur annähernde Schätzungen. Danach lebten 2012 gestützt auf Studien zwischen 2,7 Prozent und 1,1% der Männer und zwischen 1,3 und 0,4 Prozent der Frauen in Deutschland ausschließlich homosexuell. Die Zahlen, so der Verband, beruhten aber auf „hohen und sehr hohen Fallzahlen“. Zwischen den Zeilen gedacht: Die Zahlen kommen der Wirklichkeit wahrscheinlich sehr nahe. Wie der Verband auf seiner Website schreibt, soll sich mit dem  seit Januar geltenden neuen Bevölkerungsstatistikgesetz („Gesetz über die Statistik der Bevölkerungsbewegung und die Fortschreibung des Bevölkerungsstandes) die Erfassung dieser Zahlen aber ändern, so dass künftig genaue Zahlen vorliegen werden. (Näheres zum Thema auf der Seite des LSVD)

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Mit anderen Worten: Handelte es sich um Parteien, die in den Bundestag gewählt werden, würden diese unter „sonstige“ zusammengefasst werden. So aber angesichts des Diskussionsstandes wird der Eindruck erweckt, als habe man es mit einer breiten Entwicklung und einer breiten Bwegung zu tun, die weite Teile der Bevölkerung betrifft. Diese Zahlen drücken noch etwas anderes aus: Der Untergang des Abendlandes steht nicht bevor, wie es gerne von Gegnern ins Feld geführt wird. Wer eine nüchterne Debatte haben will, sollte verbal abrüsten. Auf beiden Seiten. Den Begriff „Homophobie/homophob“ zu verwenden ist ähnlich sinnvoll wie Begriffe wie „Schwuchtel“ oder vergleichbares.
Wenn man meint, diese Debatte überhaupt führen zu müssen, sollte sie einige Lautstärken leiser geführt werden. Das bringt vielleicht weniger Klicks, Quote und Auflage, hülfe aber, hochwallende Gefühle wieder abklingen zu lassen.
Im Prinzip sollte diese Debatte eigentlich überflüssig sein. Denn die sexuelle Orientierung ist am Ende Privatsache. Nur Verständnis für diejenigen Familien, die sich auf Enkel eingestellt haben, in der Annahme ihre Kinder würden sich wie der überwiegende Teil der Bevölkerung heterosexuell orientieren, sollte auch vorhanden sein……..

Sollte im Mittelhessenblog dieses Thema zur Sprache kommen, werde ich  aus genannten Gründen das Wort Homophobie und homophob nicht verwenden und stattdessen nach geeigneten anderen Begriffen suchen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Februar 5, 2014 von in Allgemeines, Medienzirkus und getaggt mit , , , , , , , , , .
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